Ihr habt die Wahl …

18.März 2019

Liebe E. und lieber B. …

Ihr seid Onkel und Tante meiner Exfrau und ihr seid Großtante und Großonkel meiner Kinder. Bis zur Trennung waren wir befreundet, ich mag euch sehr und ich habe euch immer als Teil meiner Familie empfunden und fühlte mich bei euch immer als Familienmitglied aufgenommen.

Seit meiner Trennung von eurer Nichte habt ihr euch von mir abgewendet.

Seit meiner Trennung hat sich mein Verhältnis zu meinen Kindern radikal verändert.

Das was da passiert nennt man Entfremdung. Es trifft statistisch 10-15% der Trennungskinder.

Wir telefonierten einmal in dieser Zeit. Ihr sagtet ihr seid sehr enttäuscht von mir. Warum ich keinen Versuch unternommen hätte die Beziehung zu retten. Ihr begründet euer Verhalten, mit dem Schmerz, den ich eurer Nichte zugefügt habe. Dass ich mich einfach aus dem Staub gemacht habe.

Ja, ich habe mich getrennt. Ja, ich hatte eine Affäre. Letzteres kann man mir zum Vorwurf machen. Vielleicht hätte mich erst trennen sollen, bevor ich mich verliebe. Leider fragt die Liebe nicht danach, wenn sie kommt. Genau so wenig, wie wenn sie verschwindet.

Ihr habt mich nicht gefragt, warum ich mich getrennt habe. Das spielt für euch keine Rolle. Vielleicht könnt ihr es sogar erahnen.

Am Ende ist es nicht die Affäre, die vielleicht eine Dummheit war, aber vielleicht der einzige Weg, der aus der Beziehung herausgeführt hat. Am Ende ist es die Liebe die nicht mehr da war.

Ja, ich habe keinen Versuch mehr unternommen, die Beziehung zu retten. Aber das tat ich aus Überzeugung. Ich bin überzeugt, dass man die Liebe nicht retten kann, wenn sie mal zerbrochen ist, sie nicht herbei beten kann. Sie ist zerbrechlich und bei uns ist sie über viele Jahre hinweg zerbrochen. Ich denke ihr habt genug Vorstellungskraft um anzuerkennen, dass es dafür immer zwei Personen gibt, die daran beteiligt und dafür verantwortlich sind und dass das nicht allein mir anzulasten ist.

Ich bin überzeugt davon, dass egal wie und wann und unter welchen Bedingungen ich mich getrennt hätte, es immer zum selben Ergebnis geführt hätte. In jedem Szenario wäre die tiefe Verletzung eurer Nichte unvermeidbar gewesen. Dass das so ist tut mir sehr leid und ich wünschte mir sehr, dass sie das nicht hätte erleiden müssen.

Ich schreibe euch ohne eine Erwartung an euch. Ich kämpfe gegen die Entfremdung an auch wenn ich mich hierbei weitestgehend machtlos fühle. Ja, mich schmerzt es, mit dem Gefühl zu leben, meine Kinder verloren zu haben. Ich bin erwachsen und (einigermaßen) entwickelt und werde sehr wahrscheinlich ausser dem Schmerz, von dem ihr vermutlich keine Vorstellung habt, keinen Schaden davon tragen. Mir geht es zuerst um die Kinder und darum was die Entfremdung mit ihnen macht.

Wie sieht die Entfremdung in unserem Fall aus? Die Entfremdung breitet sich in mehreren Ebenen aus:

In der ersten Ebene, in der direkten Beziehung zwischen mir und den Kindern sieht es so aus:

Meine Tochter hat sich komplett von mir abgewendet. Sie hat alle Kontaktwege sowie alle Versuche von mir Kontakt mit ihr aufzunehmen blockiert. Darüber hinaus wird alles, was von mir an sie herangetragen wird z.B. Geschenke abgewertet. In wie fern sie hier auch Einfluss auf ihren Bruder nimmt, kann ich nur vermuten.

Mein Sohn kam im ersten Jahr der Trennung noch regelmäßig zu mir und verbrachte jedes zweite Wochenende bei mir. Der Kontakt mit meinem Sohn beschränkt sich mittlerweile auf ein 3-4 stündiges Treffen irgendwo draussen, alle 3-4 Wochen. Es fällt mir zusehends schwerer den Kontakt zu ihm aufrecht zu erhalten. Ich darf ihn einmal pro Woche zu einer fest vereinbarten Zeit anrufen. Doch diese Telefonate, auf die ich meist schon die ganze Woche hin fiebere, sind sehr ernüchternd. Dauern selten länger als eine Minute, unfreundlich und mürrisch. Meine Fragen, was es so bei ihm gibt, was er erlebt hat, werden mit einem „Das geht dich nichts an“ oder „Das brauch ich dir nicht zu sagen“ oder einem „Warum willst du das wissen?“ abgeblockt.

In der Folge der Entfremdung gibt es keine gemeinsamen Erlebnisse, keine Geburtstage, keine familiären Ereignisse die man zusammen erlebt, die gemeinsamen Erinnerungen verblassen.

Die zweite Ebene betrifft alle weiteren Verwandten, Tanten, Onkel und Cousins und Cousinen, Omas und Opas. Hier wurden ebenfalls sämtliche Kontakte auf der väterlichen Seite abgebrochen.

Dass beide Kinder im Alltag und in der Schule gut „funktionieren“ ist schön und freut mich sehr. Allerdings sollte man nicht dem Irrtum unterliegen, dass damit alles in Ordnung ist. Auch die Aussagen, dass die Kinder alles genau so wollen, sollte euch nicht beruhigen. Sie sind vielmehr ein Element, ein Merkmal der Entfremdung.

Warum schreibe ich euch das alles?

Ihr seid ohne es vielleicht zu wissen oder zu merken, auch ein Baustein, ein Zahnrad in dieser Entfremdung. Ihr habt euch positioniert, ohne meine Seite zu kennen, ohne dass ihr gezwungen wart Position zu beziehen.

Die Trennung hat eurer Nichte großen Schmerz zugefügt Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr deswegen sauer auf mich seid, mein Tun und vielleicht auch mich als Person verabscheut oder ablehnt, mich für einen schlechten Menschen haltet.

Aber das bin ich nicht. Ich habe mich von einer gescheiterten Beziehung getrennt.

Es hat eure Nichte so getroffen, dass sie offensichtlich nicht in der Lage ist, die gemeinsame Elternschaft mit mir, so wie wir es uns am Anfang der Trennung geschworen haben, zum Wohle der Kinder gemeinsam auszuüben. Das würde ich nicht zwingend darauf zurückführen, dass sie mich so sehr geliebt hat. Hier spielen sicher noch ihre persönlichen Eigenschaften eine Rolle.

Ich habe in meinem Leben gelernt, dass es zu jedem Konflikt, zu jedem Problem immer zwei Seiten gibt. Ich habe mir angewöhnt, bevor ich Stellung beziehe, mir beide Seiten anzuhören. Ich hatte mit meinem Telefonat mit euch einen Anlauf unternommen, das bei euch anzustoßen. Leider hat das nicht geklappt. Vielleicht war mein Versuch zu schwach, vielleicht kam er zu spät. Oder hatte von vornherein keine Aussicht auf Erfolg. Keine Ahnung.

Ich würde mir den Kindern zuliebe sehr wünschen, dass ihr sie darin bestärkt oder ihnen vermitteln könnt, dass es zwar traurig ist, wenn Eltern sich trennen, aber Vater und Mutter immer die Eltern bleiben, immer für die Kinder da sind und immer wichtige Begleiter in ihrem Leben sind. Dass es euch zwar weh tut, dass ihre Mutter so traurig über die Trennung ist, dass ihr Vater aber deswegen nicht automatisch ein schlechter Mensch ist, von dem man sich abwenden sollte.

Was würde denn passieren, wenn ihr auf die Frage eurer Nichte, ob ihr die Kinderbetreuung am Wochenende übernehmen könntet, eure Hilfe nur in Aussicht stellt, wenn geklärt ist, dass ich als Vater die Betreuung an diesem Wochenende nicht übernehmen kann?

Das soll keine Aufforderung an euch sein. Ich meine es nur als Gedankenspiel, an dem ihr vielleicht erkennt, welchen Einfluß ihr habt. Im Guten wie im Schlechten. Darüber hinaus ist, wenn man sich die Reaktion eurer Nichte ausmalt, erkennbar in welche Gefahr ihr euch damit begeben würdet.

Seid ihr frei in eurem Urteil? Müsst ihr überhaupt urteilen? Ihr seid in jedem Fall beteiligt, ob ihr das wollt oder nicht.

Liebe Grüße

4 Kommentare zu „Ihr habt die Wahl …

  1. Ja, Trennung ist für die Kinder nicht einfach. Für alle Beteiligten nicht einfach. Habe mit Schuldzuweisungen auch Erfahrungen machen dürfen.

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  2. Tja, der Scherbenhaufen ist da. Es auszuhalten, dass Kinder sich verletzt zurückziehen tut unendlich weh. Doch was ich aus Ihrem Text herauszuhören vermeine, ist ein gehöriger Patzen Selbstmitleid. Es auszuhalten, dass es ist wie es ist und dass Sie Ihren Teil dazu beigetragen haben braucht Mut. Den wünsch ich Ihnen von ganzen Herzen. Herzliche Grüße und Gottes Segen

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    1. Vielen Dank, dass Sie mir Mut zusprechen und auch für Ihre Segenswünsche.

      Ja, es tut mir weh meine Kinder für eine vermutlich lange Zeit verloren zu haben. Es mit Selbstmitleid gleich zusetzen, wenn ich auch über diesen Schmerz schreibe, kann man machen. Ich verstehe unter Selbstmitleid etwas anderes. Ich tue mir nicht leid.

      Meine Kinder tun mir leid.

      Klar, hätte ich statt mich zu trennen die Beziehung aufrecht erhalten, hätten sie keinen Trennungsschmerz. Für diesen Schmerz bin ich verantwortlich, wenn man dabei ausser Acht lässt, dass beide Partner an den Ursachen der Trennung beteiligt sind. Aber das was mit den Kindern passiert ist etwas anderes. Es kommt zu dem Trennungsschmerz hinzu, den jedes Kind in dieser Situation empfindet.

      Entfremdungssyndrom oder parental alienation syndrom oder PAS. Der Einfachheit halber verwende ich nur den Begriff Entfremdung. Die Trennung eines Paares mit Kindern führt in mehr als 80% der Fälle nicht zur Entfremdung. In den Fällen in denen es zu einer Entfremdung kommt, ist die Schlüsselfigur der bei den Kindern verbleibende Partner, wenn man Fälle häuslicher Gewalt außen vor lässt. Und die Entfremdung hat Auswirkung auf ihre Entwicklung und ihr restliches Leben …

      Mit dem Gefühl wieder viel zu viel geschrieben zu haben, sende ich Ihnen auch herzliche Grüße

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  3. Danke. Ihr Gefühl viel zu viel geschrieben zu haben, kann ich beschwichtigen. Es spricht aus Ihrem Post das ehrliche Bemühen, Verbindung zu Ihren Kindern zu finden. Ich lese, es ist Ihnen wichtig, dass auch Sie als Mensch wahrgenommen werden. Das berührt mich tief. Mein Ausdruck „Selbstmitleid“ war da wohl hart. Entschuldigung, es tut mir leid. Ich denke, solche ehrliche Absicht wird ihr Ziel finden. Sie, Ihre Kinder, Ihre noch Ehefrau und auch Ihre neue Partnerin werden davon betroffen sein. Betroffen in gutem Sinne. Bleiben Sie dran. Ich wünsche Ihnen nochmals Alles Gute auf Ihrem Weg und Gottes Segen.

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