Papa, warum …?

Meine lieben Kinder,

ich bin aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen, weil sich Eure Mama und ich getrennt haben.

Als ich ausgezogen bin, wollte ich euch nicht verlassen. Ich wollte immer noch für euch da sein und weiter mit euch leben, auch wenn ich das nicht in eurer Wohnung tun konnte. Ich wollte um alles in der Welt nicht aus eurem Leben verschwinden. Und trotzdem fühlt es sich für euch so an. Dass ihr das erleiden musstet tut mir sehr leid. Es schmerzt mich sehr und ich hätte mir sehr gewünscht, dass ich euch diesen Schmerz hätte ersparen können. Obwohl wir keinen Kontakt haben und so auch nicht miteinander sprechen, versuche ich euch (und auch mir) die Frage zu beantworten:

„Papa, warum hast du das gemacht?“

Wo ist die Liebe geblieben …

Eure Mama habe ich verlassen, weil unsere Liebe zerbrochen ist. Wie kann das denn passieren?

Zwei Menschen lernen sich kennen und verlieben sich ineinander. So war es bei eurer Mama und mir. Es ist ein sehr schönes Gefühl. Man möchte alles zusammen machen, möchte jede Minute miteinander verbringen und ist traurig, wenn der andere mal nicht da ist. Man möchte zusammen wohnen und am liebsten auch Kinder haben. Man heiratet, weil man so sehr daran glaubt und es sich auch so sehr wünscht, dass es für immer so bleibt.

Die Kinder entstehen aus dieser großen Liebe. So wie ihr

Dann kann es passieren, dass diese Liebe schwächer wird, irgendwann ganz verschwindet. Mal mit einem lautenKnall, manchmal heimlich und leise.

Es gibt viele Gründe, warum das passieren kann, warum die Liebe zwischen zwei Partnern, die sich sehr lieben, zerbrechen kann.

Manchmal ist es deswegen, weil sich die Menschen anders entwickeln. Menschen verändern sich. Gerade wenn man viele Jahre zusammen ist und am Anfang noch sehr jung war kann es sein, dass sich die Beiden im Laufe der Jahre sehr verändern. Wenn man sich in die gleiche Richtung verändert, macht das nichts. Wenn sich jeder von den beiden in eine andere Richtung verändert, kann das dazu führen, dass man sich nicht mehr so gut versteht. Man hat öfter eine andere Meinung, vielleicht streitet man deswegen oder ist sauer, wenn der andere anders handelt, als man es selber tun würde.

Manchmal kann es sein, dass es ein großes Streitthema gibt, was ein Paar entzweit. Das gab es bei uns nicht. Wir haben immer zusammen an einem Strick gezogen, waren uns größtenteils in allem einig. Ob das euch, eure Erziehung, meine Karriere oder die eurer Mutter, Urlaube und Freizeit betrifft, die meiste Zeit waren wir uns einig.

Manchmal kann es sein, dass einer den anderen verletzt.

Man ist sauer auf den anderen und will dem anderen weh tun oder man ist so wütend, dass man es gar nicht merkt, wie man den anderen verletzt.. Und weil man sich so gut kennt, weiß man auch genau was man sagen muß, damit es dem anderen weh tut.

Es kann immer passieren, dass man sich verletzt, ob absichtlich oder unabsichtlich. Wenn man es schafft es wieder gut zu machen, sich zu entschuldigen und sich miteinander zu versöhnen hat es keine Auswirkung auf die Liebe. Wenn man es aber nicht schafft, kann es die Liebe beschädigen. Und wenn es ganz oft passiert, kann sie davon kaputt gehen. So war es bei eurer Mama und mir…

Manchmal kann es sein, dass einer von den beiden, jemandem begegnet, der einem sehr gefällt. Vielleicht passiert es gerade in einem Moment, nachdem man gerade von seinem Partner verletzt wurde. Oder es passiert zu einer Zeit, in der man schon länger das Gefühl hat, dass die Liebe schon beschädigt ist oder sogar schon zerbrochen ist. Vielleicht hat dieser Mensch dem man begegnet etwas, was man bei seinem Partner vermisst. Und so kann es passieren, dass man sich in diesen Menschen verliebt. Das war bei mir der Fall.

Wenn es passiert, kann man erstmal nichts machen. Es passiert einfach. Vielleicht habt ihr es, wenn ihr diese Zeilen lest, schon selbst erlebt. Typisch für das verliebt sein, ist es eine rosarote Brille aufzuhaben, man ist „etwas“ aus der Spur, man denkt immerzu an den anderen. Ich würde nicht sagen, dass man unzurechnungsfähig ist, aber man tut auch Dinge, die man normalerweise nicht tun würde.

Und so war es dann bei uns …

Bei eurer Mama und mir ist dann alles auf einmal passiert:

Eure Mama hat mich in vielen Jahren oft, wenn sie ihre Aussetzer hatte, mit ihren Äußerungen sehr unter der Gürtellinie verletzt. Danach hat sie sich nicht entschuldigt und ich bin darüber hinweg gegangen, weil ich nicht nachtragend bin. Dass es Auswirkungen auf unsere Liebe hat, habe ich gar nicht gleich gemerkt.

Und bestimmt habe auch ich in der Zeit eure Mama mit irgendetwas verletzt. Vielleicht habe ich es gemerkt, manchmal habe ich das nicht gemerkt. Das hat sich sicher auch bei ihrer Liebe zu mir ausgewirkt.

Wir haben uns in der gemeinsamen Zeit weiter entwickelt, was ja an sich eine schöne Sache ist. Wir haben beide studiert, waren in unserem Beruf erfolgreich, haben zwei wunderbare Kinder bekommen und gemeinsam erzogen. Jeder von uns hat seine Karriere verfolgt und dabei haben wir uns aus den Augen verloren. Wie genau, weiß ich selbst nicht genau.

Die Musik war immer in meinem Leben, ein wichtiger Teil von mir und es war etwas, was mir Energie gespendet hat, für alles das, was ich bewältigen musste. Sie hat mich durchs Leben getragen. Eure Mama hat mich so kennengelernt und alles war ok. Irgendwann hat sich das bei ihr verändert. Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass die Musik für sie ein Dorn im Auge ist, zumindest hat sie mir sehr dieses Gefühl gegeben. Sie hat sich manchmal abfällig darüber geäußert oder war oft betont desinteressiert. Ich machte immer weniger Musik, das lag auch daran dass ich immer mehr arbeiten musste. Doch egal wie wenig Zeit ich damit verbrachte, es war ihr immer zu viel.

Sie war auch eher desinteressiert an den anderen Dingen die mich interessierten, gleichzeitig waren ihre Themen immer wichtig und die meisten Gespräche drehten sich darum. Dies ließ wenig Raum dafür meine Dinge zur Sprache zu bringen. Das Gefühl das dabei bei mir entstanden ist, war, das wenn sich jemand nicht für meine Themen interessiert, interessiert er sich auch nicht für mich. Er achtet mich nicht, er respektiert mich nicht.

Und eines Tages habe ich eine andere Frau kennengelernt und mich in sie verliebt. Sie hat mir gefallen, obwohl sie vielleicht nicht auf den ersten Blick hübsch war. Da war plötzlich jemand der sich für mich und meine Themen interessierte und dem sogar die Musik gefallen hat. Und da habe ich gemerkt, was ich vermisst habe. Wenn unsere Liebe intakt gewesen wäre, im Gleichgewicht gewesen wäre, hätte ich mich nicht in sie verliebt. Davon bin ich überzeugt.

Ich war erst sehr erschrocken, dass mir das passiert. Es ist mir in meinem ganzen gemeinsamen Leben mit eurer Mama noch nie passiert, dass ich mich wirklich in eine andere Frau verliebt habe. Trotzdem, es ist passiert.

Was tun? …

Was sollte ich in dieser Situation tun?

Vielleicht warten? Könnte ja sein, dass es vorbei geht, das Verliebtsein, wie ein Schnupfen. Ich hatte das ja noch nicht. Ich wusste nicht, ob das wieder vergeht. Und was ist, wenn es sogar noch stärker wird?

Oder ich bringe es gleich zur Sprache? Weil ich die Reaktion eurer Mutter nicht vorhersehen konnte, hatte ich große Angst davor, dass es vieles oder alles zwischen uns kaputt macht.

Wenn ihr an eure Mama denkt, könnt ihr euch bestimmt vorstellen, dass ich damit gerechnet hab, dass sie ausflippt, wenn ich ihr es sage.

Wenn ihr es Feigheit nennt, ok. Wenn man sich, ein Risiko vor Augen, entscheidet, etwas nicht zu tun, weil man die Folgen seines Handelns nicht absehen kann, kann es richtig sein es nicht zu tun. Vielleicht hätte ich es trotzdem tun sollen.

Heimlichkeiten …

Oder sollte ich es verheimlichen? Warum? Weil ich es nicht wieder verlieren wollte, dieses Gefühl. Es tat mir so gut, dass ich es nicht verlieren wollte. Wenn ich es verheimliche, könnte ich es behalten, zumindest dachte ich das. Womit ich nicht gerechnet habe ist, dass sich gleichzeitig das schlechte Gewissen meldet. Es sagt einem, dass man so etwas nicht tun darf. Und davon fühlt man sich schlecht. Das ist der Preis, wenn man es verheimlicht.

Und es droht die Entdeckung wenn man versucht etwas zu Verheimlichen. Und so ist es dann auch gekommen. Eure Mama hat beim Fotosuchen auf unserem PC eine alte Email gefunden, die ich mal an diese Frau geschrieben habe. Das verrückte daran ist, dass ich die Mail nie abgeschickt habe. Sie hatte mir an diesem Abend ihren Ehering hingelegt und einen Zettel geschrieben: „Leb wohl…“ und ist zu ihrer Freundin gefahren. Dass sie dort hin ist, erfuhr ich aber erst später. Irgendwann kam sie zurück und wir versuchten erstmal mit der Situation zurecht zu kommen.

schlaflose Nächte

In den folgenden Monaten haben wir Zuhause viele Nächte miteinander über uns gesprochen. Wir haben analysiert, was mit unserer Liebe passiert ist. Es kam so ziemlich alles zur Sprache. Alle Verletzungen auf beiden Seiten. Diese Zeit war emotional sehr anstrengend für uns beide und es gab vom Tag der Entdeckung (irgendwann Mitte Februar 2017) keinen Tag mehr, der sich gut angefühlt hat.

Dann ging es darum, was wir jetzt machen sollten. Ich sagte es gäbe in mir drei Zustände:

a. ich will bleiben
b. ich will gehen
c. ich muss erst überlegen, ob ich gehen oder bleiben will

… und ich fühlte mich im Zustand c.

Ich wusste nicht, was ich wirklich wollte und was nicht. Und ich wollte es herausfinden. Ich war mir nach einigen Wochen, die ich noch mit eurer Mama in eurer Wohnung gelebt habe sicher, daß ich es nicht herausfinden könnte, wenn ich bei ihr bleiben würde.

Wir waren uns in diesen Tagen immer darüber einig, dass wir beide versuchen wollten, dass egal was wäre, ihr keinen Schmerzen dadurch erleiden solltet. Wir wollten alles dafür tun. Wir waren einer Meinung, dass wir unsere Elternschaft nicht mit unserer Partnerschaft vermischen würden. Das ist leider nicht so gekommen.

Das könnt ihr daran erkennen, dass ihr wahrscheinlich wenn ihr das lest, viele Jahre ohne mich gelebt habt, vielleicht nur noch eine blasse Erinnerung an mich habt.

Graue Tage

Dass ihr mich aus eurem Leben verbannt habt, um nicht dauernd in euren Gefühlen hin- und hergerissen zu werden, kann ich verstehen. Dass es so für euch leichter ist, mit der Trennung und den Schmerzen die ihr erlitten habt umzugehen, kann ich auch gut nachvollziehen.

Dass ihr den Kontakt zu mir abgebrochen habt und ich seitdem nicht an eurem Leben teilhaben und für euch da sein kann, schmerzt mich sehr. Es gibt Tage an denen ich es kaum aushalten kann. Diese Tage fühlen sich grau und wolkenverhangen an. Ich bin dann sehr traurig und fühle mich von euch verlassen.

Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ihr das lest, weil ihr euch dafür interessiert und vielleicht innerlich auf dem Weg zu mir seid.

Ihr sollt wissen, dass egal wann das passiert meine Tür und mein Herz für euch sperrangelweit offen steht und ich den Tag herbei sehne.

Euer Papa

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