Opa kommt nachhause – Ungarn 2019

17. Februar 2019

 

Meine liebe Tochter,

ich habe lange nichts mehr von dir gehört, so dass ich dir diese Zeilen für Dich schreibe, ohne zu wissen was du darüber denkst, was ich dir in meinem letzten Brief geschrieben habe.

Ich war über das Wochenende in Ungarn, genauer gesagt in Debrecen. Das ist der Ort von dem dein Opa abstammt und wo auch du ein Teil deiner Wurzeln herstammt. Es ist eine Stadt mit ungefähr 220 Tausend Einwohnern im Osten von Ungarn in der Nähe der ukrainischen und rumänischen Grenze. Vor dem Krieg lag Debrecen noch in der Mitte Ungarns,  doch nach dem Krieg wurden viele Teile Ungarns an die umliegenden Nachbarländer verteilt, so daß es jetzt am Rand von Ungarn liegt. Es ist die zweitgrößte Stadt in Ungarn, hat eine Universität und ein Theater. Obwohl es den Leuten verglichen mit anderen Orten in Ungarn verhältnismäßig gut geht, sieht man doch auch Armut auf den Straßen.

Anlaß meines Besuchs war die Trauerfeier für den Opa zusammen mit unserer ungarischen Familie und Beisetzung der Urne mit seiner Asche im Familiengrab (Foto). Ich war erstaunt wieviel Leute kamen und das, obwohl er schon so lange nicht mehr in Debrecen lebt. Sogar vier Schulfreunde aus seiner Schulzeit waren gekommen, um Abschied von ihm zu nehmen. Mittlerweile sind das alles alte Männer, die so alt sind wie der Opa. Logisch.

Und dann unsere Familie:

Eure Großtanten und Großonkel (für mich sind es Tanten und Onkel), Eure Tanten und Onkel 2.Grades (das sind meine Cousins und Cousinen) und Eure Cousins und Cousinen 2.Grades und sogar schon Nichten und Neffen 2.Grades von dir und Béla. Das letztere bedeutet, daß Du und Béla schon Tante und Onkel seid. Insgesamt ein quirliger, bunter Haufen Menschen, die eins in diesem Moment vereint hat: Die Erinnerung an euren Opa und die Trauer um ihn. Gleichzeitig haben sich alle über unser Wiedersehen gefreut und dass ich nach mehr als zwanzig Jahren wieder zu unserer Familie zurückgekommen bin. 

Du fragst dich vielleicht wie das mit der Kommunikation geht, da es doch Ungarn sind. Das war überhaupt kein Problem. Im Gegenteil, es war eher lustig. Die älteren können deutsch, die jüngeren englisch so daß die Verständigung immer gut funktioniert hat. Alle wollten Fotos von euch sehen und ich musste alles über euch erzählen, was ich wusste. Sie hätten sich sehr gefreut euch kennenzulernen.

Vielleicht fragst du dich ja auch, warum ich dir da alles schreibe und denkst dir dabei, dass dich das alles nicht interessiert. 

Ich schreibe es dir, weil es etwas mit dir zu tun hat. Du bist Teil dieser Familie, die dich schon allein deswegen liebt, weil du mein Kind bist, ohne dass sie dir schon persönlich begegnen konnten. Es ist eine große, reiche und lebendige Familie. Nicht reich an Geld, aber reich an Erfahrungen, Zusammenhalt und Zuneigung, die jedem entgegengebracht wird, der Teil dieser Familie ist.

Nicht umsonst stellt man die Familie, den Stammbaum als Baum dar. 

Zu Beginn sind wir alle wie Knospen an diesem Baum.  Aus den Knospen entstehen Blüten oder Blätter. Dann werden wir zu kleinen Ästen und im Laufe unseres Lebens werden wir größere, kräftigere Äste und tragen selbst wieder Äste mit Blättern und Blüten daran. Alle Äste, alle Blätter alle Blüten haben eine Verbindung zu dem Stamm, der mit seinen Wurzeln fest in der Erde verankert ist. Der Vergleich hinkt natürlich an einigen Stellen, doch drückt er aus, wie alles zusammenhängt. Klar, Ungarn ist nur meine väterliche Seite. Aber sogar die väterliche Seite besteht ja schon wieder aus zwei Familienzweigen. Der mütterlichen Ertl-Seite und der väterlichen Kontsek-Seite. Von beiden Seiten trägst du etwas in dir.  Das habe ich an diesem Wochenende erkennen können. 

Manche Menschen suchen ihr ganzes Leben nach ihren Wurzeln und finden sie nie. Weil keiner da ist, der es ihnen erzählen kann oder will oder etwas darüber weiß. Ich habe viele Fragen gestellt über Dinge, die ich bis jetzt noch nicht wusste und so viel darüber erfahren. Was ist mit meinem Opa Laszlo gewesen, warum ist er so früh gestorben? Wie ist es meiner Familie ergangen, als der Opa Geza 1956 nach Deutschland geflüchtet ist und vieles mehr.

Wenn Du mehr über Deine Familie erfahren willst, werde ich dir erzählen, was ich darüber weiß. Vielleicht kommst Du ja mal mit und lernst deine Familie kennen.

Ich schreibe Dir von mir und würde mich auch freuen, etwas von dir zu erfahren. Ich hab Dich lieb und vermisse Dich.

Dein Papa

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