Der erste Schnee …

5.Januar 2012. Draußen war es kalt, so um den Gefrierpunkt und alles noch weihnachtlich grün.

Das Weihnachtsfest lag schon einige Tage zurück. Wir hatte zusammen mit meiner Mutter bei meiner „kleinen“ Schwester und ihrer Familie gefeiert. Zur Feier hatte ich meine Mutter aus dem Krankenhaus abgeholt. Dort liegt sie seit zwei Wochen. Die Ärzte sagten uns, dass es nicht gut um sie steht. Nach der Feier hatte ich sie wieder zurückgebracht.

Gestern habe ich bis spät in der Nacht an ihrem Bett gewacht. Zusammen mit Gerda ihrer alten Freundin und meiner „mittleren“ Schwester. Wir haben erzählt, gelacht und geweint. Irgendwann in der Nacht bin ich Nachhause.

Heute morgen beschlossen wir, nachdem wir unseren Sohn in die Krippe gebracht haben, zusammen mit unserer Tochter (5) zu meiner Mutter ins Krankenhaus zu fahren. Wir wussten nicht, wie lange es noch geht und wollten unbedingt, dass sich unsere Tochter von ihrer Oma verabschieden kann.

Wir kamen an und lösten meine Schwester ab. Sie hatte die ganze Nacht am Bett meiner Mutter gewacht. Sie berichtete uns von der Nacht, bevor sie sich verabschiedete, um kurz nach Hause zu fahren und sich dort frisch zu machen.

Meine Mutter lag ruhig und mit geschlossenen Augen in den weißen Laken. Wir Eltern standen zusammen mit unserer Tochter zu beiden Seiten an ihrem Bett, sprachen sanft mit ihr und hielten ihre Hände.

Irgendwann setzte sich unsere Tochter an den Tisch, der vor dem Fenster stand und begann zu malen. In dem Moment begann es zu schneien.

Ich verließ kurz das Zimmer und machte mich auf den Weg zur Küche um dort Tee für meine Mutter zu zubereiten. Während ich dort rumwerkelte, kam meine Frau aufgeregt in die Teeküche und sagte, dass gerade etwas passieren würde. Ich ließ alles stehen und liegen und rannte mit ihr zurück zum Krankenzimmer.

Dort saß unsere Tochter noch immer konzentriert und friedlich über ihrem Bild, wobei sie zwischendurch die Schneeflocken beobachtete, die vor dem Fenster tanzten.

Meine Mutter war unruhig und stöhnte leise. Wir griffen ihre Hände. Nach einiger Zeit bäumte sich sich auf, so als oben sie einen ganz tiefen Atemzug nehmen würde und sank in ihr Kissen. In diesem Moment ist sie gestorben.

Ich bin im Nachhinein sehr froh, dass ich in diesem Moment bei ihr sein konnte. Die Erinnerung daran, verbinde ich sehr mit meiner Tochter. Sie hat diesem dramatischen Moment mit ihrer kindlichen Unbekümmertheit etwas Selbstverständliches gegeben und dem Ereignis für mich den Schrecken genommen.

Wenn ich an sie denke und mir das Bild von diesem Tag im Januar ins Gedächtnis zurückrufe, erfüllt mich das mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Stolz auf meine Tochter.

Sie wird bald 13. Ich habe sie seit fast zwei Jahren nicht mehr gesehen. Ich vermisse sie.


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