Kommunion

5.Mai 2019

Es ist Sonntag, kurz vor 8 am Morgen. Am Himmel dunkle Wolken, ziemlich kalt für Anfang Mai.

Soviel weiß ich: Heute ist die Kommunion meines Sohnes. Ich habe ihn seit 6 Wochen nicht mehr gesehen. zur Kirche darf ich kommen, zur anschließenden Familienfeier will er mich nicht dabei haben.

Versuche etwas zu essen. Ich bringe nichts herunter. Weisses Hemd, schwarzer Anzug, braune Schuhe. Es fällt mir ein, dass es bei Gottesdiensten die Fürbitten gibt. Vielleicht finde ich ja eine die auf unser Leben passt. Schmeisse Google an und gleich die erste Fürbitte die ich lese passt irgendwie:

Für unsere Eltern, Geschwister und Verwandten wollen wir beten. Lasst uns in Liebe verbunden bleiben.

Schreibe sie mir auf einen Zettel und stecke ihn mir in die Innentasche meines Jackets. Vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit die Fürbitte vorzutragen. Dann packe ich noch eine Menge Taschentücher für alle Fälle ein. Versuche noch etwas für meinen Sohn zu schreiben. Ich bringe nichts zusammen. Es ist kurz nach 9. Mach mich auf den Weg zur Kirche.

Sind noch nicht viele Leute da. Die ersten Kommunionskinder kommen und sammeln sich in einem großen Raum der Pfarrei. Zusammen mit ihren Eltern. Irgendwann taucht mein Sohn auf. Ich begrüße ihn. Begegne seiner Mutter. Von ihr kommt ein schmallippiges „Hallo“. Sie setzt ihn irgendwo hin. Er steht nochmal auf um mit ihr noch einige Worte zu wechseln. Ein anderer Junge setzt sich auf seinen Platz. Seine Mutter spricht kurz mit ihm und geht dann zu den Verwandten, die vor der Kirche warten.
Er sucht nach einem Platz und findet keinen. Ich rufe ihn und zeige auf einen freien Platz, den er nicht bemerkt hat. Er setzt sich dort hin, ich gehe auf ihn zu.

Ich bewundere seinen schicken blauen Anzug. Er trägt dazu blaue Lederschuhe. Er ist sehr reserviert, spricht nicht, schaut an mir vorbei und antwortet nur sehr widerwillig auf meine Fragen. Ich bleibe bei ihm, weiß nicht so recht, was ich machen soll. In diesen Situationen fühle ich mich etwas hilflos. Vermutlich geht’s ihm ähnlich.

Dann wünsche ich ihm noch Glück und gehe los. In dem Moment kommt eine junge Frau herein. Sie wirkt als hätte sie eine organisatorische Funktion. Sie bleibt an der Tür stehen und lächelt gutgelaunt in den Raum. Das muss die Lehrerin sein, die meinem Sohn Kommunionsunterricht gegeben hat.

Ich spreche sie an, stelle mich als Vater von B. vor. Ich sage ihr, dass ich ein entfremdeter Vater sei. Nach dem sie weiter freundlich lächelt, als hätte ich ihr erzählt, dass ich im Lotto gewonnen hätte, frage ich sie sicherheitshalber, ob sie mit dem Begriff etwas anfangen kann. Das bejaht sie. Ich erkläre ihr dann, dass ich meine Tochter seit fast zwei Jahren und meinen Sohn seit fast zwei Monaten nicht mehr gesehen habe. Sie sagt, sie wisse, was ich meine, muss dann aber weiter, um den Kommunionskindern noch etwas organisatorisches mitzuteilen.

Ich stehe noch eine Weile etwas unentschlossen in dem Zwischenflur. Sie kommt dann nochmal auf mich zu und sagt, jetzt etwas ernster, eher mit einem aufmunterndem Lächeln, dass ich nicht der einzige heute wäre. Sie würde an mich denken.

Dann ziehe ich los, um meinen Platz in der Kirche einzunehmen. Dort ist eine Sitzreihe für unsere Familie reserviert. Ganz links ist noch ein Platz frei. Dort steht Onkel B. dem ich die Hand gebe, neben ihm sitzt Tante E. die nicht weiter auf mich reagiert. Ich bleibe stehen und sehe mich um. Ganz rechts sitzt S. eine Patin meines Sohnes, daneben die Mutter meines Sohnes, neben ihr meine Tochter. Dann mein Patenkind F. (Sohn von S.), den ich vor der Kirche begrüßt habe, daneben M. sein Vater, dann Tante E. und Onkel B.

Neben mir taucht kurz meine Ex-Schwiegermutter an der Bank auf und begrüßt mich sehr nett. Sie macht ein betrübtes Gesicht und äußert Worte des Bedauerns über die ganze Situation und kehrt zu ihrem Platz weiter hinten zurück.

Dann betritt meine Schwester mit ihrer Familie die Kirche. Wir begrüßen uns. Dann läuft sie zusammen durch die noch leere Bank hinter uns und begrüßt nacheinander alle in meiner Reihe. Ich folge ihr dabei und beginne, so wie sie auch von rechts nach links alle mit Handschlag zu begrüßen.

Als ich meine Tochter von hinten an der Schulter berühre, um mich bei ihr bemerkbar zu machen, ihr ebenfalls „Hallo“ zu sagen, beugt sie sich ruckartig nach vorne und zischt mir ein „Lass mich in Ruhe“ entgegen, ohne mich dabei auch nur anzusehen. Ich murmle ein „Schade“ und setzte meine Begrüßung bei den übrigen fort. Ich setze mich wieder auf meinen Platz.

Zwischen Onkel B. und mir ist durch Zusammenrutschen noch ein Platz frei geworden. Mein Neffe L. setzt sich zu mir. Dann läuten die Glocken. Es ist alles sehr feierlich. Die Band singt ein sehr schönes Lied. Die Kommunionskinder kommen, angeführt von den Ministranten mit ihren Fahnen, durch den Mittelgang und verteilen sich auf die Plätze um den Altar. Dann kommt der Pfarrer und beginnt mit der Messe. Es wird zusammen gesungen. Ich kann nichts machen, mir laufen dabei immer wieder die Tränen.

Die Predigt handelt vom Auftrieb, bildlich umgesetzt durch einen heliumgefüllten Luftballon. Es geht um den Auftrieb, den einem der Glaube geben kann. Dann umschrieb der Pfarrer das Bild eines Heißluftballons vor einer Felswand. Die Lösung: einfach Ballast abwerfen, um schnell genug Auftrieb zu bekommen. Das bedeutet für mich verkürzt ausgedrückt so viel wie: Wenn dir der Auftrieb fehlt, du eine Felswand vor dir hast, wirf einfach Ballast ab, lass es dir einfach gut gehen. Sehr witzig.

Dann geht es weiter mit dem Thema Liebe: Liebe zu Jesus, Liebe von Jesus. Die Predigt packt mich nicht. Im Gegenteil. Ich bin gedanklich bei meiner Tochter, die 4 Plätze weiter neben mir sitzt und bei meinem Sohn, der auch nur wenige Meter vor mir sitzt und heute seinen besonderen Tag hat.

Es kommen die Fürbitten. Einige Kommunionskinder darunter mein Sohn kommen zum Altar um die Fürbitten aus einem Buch vorzulesen. Es wird ein Mikrofon rumgereicht. Ich lasse meinen Zettel in der Tasche stecken.

Dann bekommen zuerst die Kommunionskinder das Brot ausgeteilt. Anschließend der übrigen Gemeinde. Ich nehme daran teil und setze mich wieder. In der Schlange die sich gebildet hat, winkt mir J. die älteste Schwester meiner Exfrau mit einem Lächeln zu.

Wir beten das Vaterunser. Insbesondere die Passage: „Wir vergeben unseren Schuldigern…“ schmeckt in diesem Moment bitter. Ich habe den Eindruck, dass es leere Worthülsen sind, geheuchelte Zugeständnisse, niemals gedacht sie in die tat umzusetzen. Wenn die Leute die dieses Gebet sprechen danach handeln würden, könnte ich heute nach der Kirche mit meinem Sohn und der übrigen Familie feiern.

Kurz vor dem Segen zum Abschluß geben sich die Leute die Hände und wünschen sich „Der Friede sei mit dir“. Ich gebe den Leuten reihum die Hand und spreche den Segensgruß.

Der Pfarrer wünscht den Anwesenden noch viel Spaß bei den anschließenden Familienfeiern. Die Kommunionskinder ziehen unter dem Läuten der Glocken wieder aus der Kirche. Die Leute strömen nach draussen.

Ich treffe nochmal auf J. die Schwester meiner Exfrau, mit der ich mich kurz unterhalte. Sie ist auch in Trennung, ihr Mann wohnt noch Zuhause. Sie haben zwei Söhne. Sie bricht während sie erzählt auch in Tränen aus. Wir umarmen uns zum Abschied und drücken uns. Die beiden jüngeren Schwestern meiner Exfrau begrüssen mich auch. Ich sage ihnen, dass es mir Leid tut wie es gerade ist. Sie beruhigen mich, dass es halt so wäre und es würden immer zwei dazu gehören.

Anschließend fahre ich zusammen mit meiner Schwester und ihrer Familie samt Hund nachhause wo meine Frau bereits mit dem Essen auf uns wartet. Es gibt Spagetti Bolognese, zum Reinlegen. Dannach noch Kaffe und Kuchen. Wir reflektieren gemeinsam die Geschehnisse und versuchen sie einzuordnen.

Meine Nichte berichtet noch von einem Gespräch, dass sie mit meiner Tochter vor der Kirche geführt hatte. Sie fragte sie, ob sie sich nicht mal treffen könnten. Meine Tochter hat ihr dann ausführlich erklärt, warum das nicht ginge, wie wenig Zeit sie hätte und dass sie gar nicht die Telefonnummer ihrer Cousine hätte. Und und und…

Mein Schwager, der das Gespräch mitverfolgt hatte, ordnete es mit den Worten ein:

„Deine Tochter hat das perfekt abmoderiert!“

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