Achterbahn…

8. Juni 2019

Meine liebe Tochter,

die Mediatorin erzählte mir in der letzten Sitzung, dass du wenig bis keine Erinnerungen mehr an mich hast.

Auch wenn es mich traurig macht, kann ich verstehen, dass es so ist.

Kein Wunder. Ich musste meistens 50 Stunden in der Woche arbeiten, manchmal auch mehr und manchmal auch am Wochenende. Dadurch war ich für euch nicht so präsent, wie ich es gerne gewesen wäre. Ich habe mich nicht um unsere Freizeitaktivitäten am Wochenende gekümmert und diese organisiert. Das hatte eure Mutter für uns getan. Wir haben fast alles zusammen unternommen. Ich habe mich nur ganz selten ausgeklinkt und nur, wenn es gar nicht anders ging. Bis 2015 habe ich noch Musik gemacht, am Schluß immer weniger.

Wenn ich aber bei euch Zuhause war, habe ich mich mit aller Liebe um euch gekümmert und gemeinsam mit euch gelebt. Im Alltag und in der Freizeit.

Es ist jetzt sehr lange her, dass wir uns begegnet sind und miteinander gesprochen haben. Fast zwei Jahre.

Damit meine ich nicht die Begegnungen, die vielleicht unvermeidbar waren.

Das Telefonat nach Weihnachten, in dem du mir mitgeteilt hast, dass dir meine Geschenke nicht gefallen und du sie nicht haben möchtest. Damit meine ich nicht die Begegnung bei der Trauerfeier deines Opas in München im Dezember oder die beim Sportfest deines Bruders letzten Sommer. Auch nicht der Moment als ich mit deinem Bruder vor eurer Tür gewartet habt und du ohne ein Wort und ohne einen Blick an mir vorbei gelaufen bist. Und schließlich auch nicht der Moment in der Kirche zur Kommunion deines Bruders, wo ich mich bei dir mit einer kleinen Berührung auf Schulter bemerkbar gemacht habe, um dich zu begrüßen.

Ich meine die Momente, wie das gemeinsame Pfannkuchenbacken, das gemeinsame Kochen, das gemeinsame Musikmachen, das Vorlesen vor dem Schlafengehen, das gemeinsame Zähneputzen…

Das zusammen auf dem Sofa lümmeln und dabei einen schönen Film anschauen.

Dir bei deinem ersten Artikel für die Schülerzeitschrift helfen … mit dir in der Achterbahn fahren … gemeinsam mit dir am Strand entlang laufen und Muscheln suchen … im Wasser rumplantschen … zusammen im Lokal sitzen und dir dabei zuschauen, wie du dir die „besten Pasta deines Lebens“ schmecken lässt.

Die gemeinsame Vorbereitung der Schnitzeljagd für den Geburtstag deines Bruders, den du als große Schwester mit organisiert und dann auch mit der Rasselbande seiner Freunde geleitet hast.

Und da gibt es viele kleine Momente, an die du dich vermutlich nicht mehr erinnern kannst:

Du bist zwei Jahre alt, sitzt in deinem Kleiderschrank, auf dem mittleren Boden. Deine Füsse waren einen Meter vom Boden weg. Ich „suche“ dich ganz lange und öffne dann überrascht die Schranktür. Du siehst mich grinsend an, tippst mit der Innenseite deines Zeigefingers mehrfach auf deinen Lippen und flüsterst dabei: „Leise sein….“ Wir haben uns zusammen mit deiner Mutter schief gelacht….es war so süß…

Wir waren zusammen im Urlaub auf Mallorca. In unserer Finca haben wir die Musik ganz laut angemacht und sind zur Musik von Coldplay „Para..Para..Paradiese….“ durch die ganzen Zimmer gehopst und haben getanzt.

Du hast mal unser Elternbett als Trampolin genutzt, hast dabei gesungen und ich habe dazu auf der Gitarre gespielt.

Es war nachdem ich bei euch ausgezogen bin. Es war schon spät in der Nacht. Wir lagen in meiner neuen Wohnung im Wohnzimmer und wollten eigentlich schlafen. Wir haben uns im dunklen Zimmer sehr lange und wie ich finde sehr gut unterhalten. Du wolltest sogar am nächsten Tag noch länger bleiben, als du ursprünglich vorhattest.

Ich vermisse dich an jedem Tag. Es beginnt, wenn ich aufstehe und endet, wenn ich schlafen gehe. Es ist der größte Schmerz in meinem Leben. Mir fehlt der Austausch mit dir, mir fehlt mit dir zu reden, dich lachen zu sehen, dich zu trösten, wenn du Trost brauchst und mit dir zu lachen.

Ich verliere niemals meine Hoffnung, dass du irgendwann wieder zu mir kommst oder mich zu dir kommen lässt, wir zusammen leben. Ich versuche mich darauf einzustellen, dass das noch ganz lange dauert.

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