Jerusalem…

Mediation Juni

Es war mal wieder soweit. Mediation mit meiner Frau und der Mediatorin.

Meine Exfrau begann von der Reise zu berichten, die sie mit der Stadtratsfraktion und meiner Tochter nach Israel unternommen hatte.

Besonders hob sie die Herzlichkeit und die Offenheit der Israelis hervor. Wie fest die Leute in ihrem Glauben wären. Das hätte sie sehr beeindruckt…

Sie besuchten auf ihrer Rundreise Jerusalem und unter anderem die Grabeskirche und die Klagemauer. Kurz nachdem sie am Nachmittag wieder ins Hotel zurückgekommen sind, erfuhren sie, dass es dort einen Terroranschlag in Form einer Messerattacke auf Passanten gab, kurz nachdem sie den Ort verlassen hatten.

Mein Sohn, der nicht mitfahren durfte, hätte am Abend bevor sie abfuhren sehr stark geweint. Auch der erste Abend allein bei der Großtante und dem Großonkel, war er wohl sehr geknickt und hatte großes „Mamaweh“ …

Ich berichtete von dem Ausflug am Wochenende vor zwei Wochen mit meinem Sohn in die Fränkische Schweiz.

Auf dem Hinweg, in der ersten viertel Stunde, hatte er etwas gefremdelt, dann war alles ganz normal. In dem Lokal, wo wir zu Mittag aßen, waren Mineralien und Halbedelsteine zum Verkauf ausgestellt. Er suchte sich eine lilafarbene Achatscheibe aus, die ich in Papier eingepackt in meiner Jackentasche für ihn verwahrte. An einem Automaten prägte er für sich und mich eine Erinnerungsmünze. Es war für ihn ganz schön anstrengend und kostete viel Kraft die Kurbel zu betätigen. Wir hatten in den gemeinsamen Stunden viel Spaß, schöne Gespräche und ich habe ihn auf dem Rückweg zum Auto sogar ein Stück auf dem Arm getragen. Auf dem Rückweg nachhause wurde er wieder still und verschlossen. Daran habe ich mich mittlerweile schon fast gewöhnt.

Meine Exfrau berichtete, dass mein Sohn auf der Rückfahrt bei einem Tankstop auf der Suche nach seiner Achatscheibe in meinen Jackentaschen gewühlt hätte und dabei eine volle Zigarettenschachtel entdeckt hätte. Dies hat er ihr schockiert erzählt und es dabei als besonders „schlimmes Ereignis“ eingestuft. > Minuspunkt Papa

Meine Exfrau liess sich dann über das Rauchen an sich aus, wie daneben und wie out es wäre … Wie ich so etwas nur tun könnte, auch unseren Kindern gegenüber. Unsere Tochter wäre in einem Schulprojekt, in dem es genau um die Prävention vor Drogen, Nikotin und Alkohol ginge …

[Ich behielt für mich, dass ich damit tatsächlich in einer Art „es ist doch sowieso egal“ wieder angefangen hatte. Ja, ich hatte in diesem Moment eine leicht selbstzerstörerische Stimmung. Und in dieser „ihnen ist es doch sowieso egal“ Stimmung fing ich nach 32 Jahren Nichtraucherdasein wieder damit an.

Als ich das tat, habe ich im gleichen Moment mit „dem da oben“ einen Deal abgeschlossen. Ich versprach dem lieben Gott, wieder damit aufzuhören, sobald meine Kinder wieder zu mir gefunden hätten. Zugegeben, es war nicht ganz fair und ich wollte ihn wohl damit etwas unter Druck setzen.


Meinen „deal“ habe ich in der Mediationsrunde nicht ins Gespräch gebracht, denn meine Kinder wollte ich auf keinen Fall damit konfrontieren und unter Druck setzen.]

Ich sagte, ich könne aus eigener Erfahrung gut verstehen, wie es sich für die Kinder anfühlen muss.

Mein Vater war als junger Mann starker Raucher. Ich musste ihm sogar ab und zu die Zigaretten von dem Automaten vor dem Haus holen. Aufgrund einer Fussballwette hörte er irgendwann damit auf. Einige Jahre später bekam er Probleme mit der Lunge und es stand der Verdacht auf Lungenkrebs im Raum. Das machte uns Kindern damals sehr große Angst.

Ich erzählte, dass es deswegen für mich als Kind auch immer schlimm war, wenn ich erkannte, dass jemand Raucher war, den ich gemocht habe. Hatte von meiner Judo-Trainerin erzählt. Ich muss 12 gewesen sein, als ich auf dem Sommerfest unseres Vereins zum ersten Mal sah, dass sie raucht. Das hatte mich damals sehr geschockt.

Meine Exfrau gab weiteres Feedback vom Ausflug mit meinem Sohn. Er berichtete ihr, dass ich zweimal länger telefoniert hätte. „…und rate mal Mama, mit wem. Du wirst es nicht glauben. Es war schlimm. Er hat mit der Lenka telefoniert….“

Ich bestätigte das, betonte aber, dass es gegen Ende nur ein kurzes Gespräch gab, in dem ich durchgegeben hatte, wann ich nachhause kommen würde. Ich sah kurz nach und stellte fest, dass das Telefonat 47 Sekunden gedauert hätte.

Jetzt, wo ich es aufschreibe, fällt mir auch wieder ein, mit wem ich an diesem Tag noch telefoniert hatte. Mit unserem Lichtplaner, der an dem Nachmittag alleine im Büro etwas am Licht korrigieren wollte. Dieses Telefonat zu Beginn unserer Fahrt dauerte 57 Sekunden…

Ich übergab am Ausflugstag meinem Sohn ein kleines Geschenk, einen Experimentierkasten „für angehende Astronauten“. Wir schauten uns zusammen den Karton an und ich war der Ansicht, dass eventuell echter Mondstaub drin sein könnte, mindestens ein Stoff, der dem Mondstaub chemisch sehr ähnlich wäre. Er bedankte sich nicht und zeigte auch sonst keinerlei Freude darüber. Geschenkt. Hatte ich auch nicht erwartet und war mir in dem Moment auch nicht wichtig.

Was meiner Exfrau aber wichtig war, ist anzumerken, dass bei meinem Geschenk keine Karte dabei gewesen wäre und sich mein Sohn darüber sicherlich viel mehr gefreut hätte, als über das eigentliche Geschenk. > Minuspunkt Papa

Ich war der Ansicht, dass das bei den ganzen Dingen, die mein Sohn meiner Exfrau nach so einem Papatag erzählt, es auch eine Rolle spielt, dass mein Sohn etwas erzählt, von dem er ausgehen musste, dass es in die Erwartungshaltung seiner Mutter passt:

Papa macht schlimme Sachen und ich erzähle ihr, was ich alles an „schlimmen Sachen“ an diesem Tag mit dem Papa erlebt habe.

Die Mediatorin bestätigte das. Diese verzerrte Wahrnehmung sei ein bekanntes Phänomen und passiert bei den Kindern unbewusst.

Ich ergriff die Gelegenheit und fragte nach, wie denn meine Exfrau auf diese Schilderungen meines Sohnes reagieren würde. Sie verstand die Frage falsch und dachte ich mache ihr einen Vorwurf, wie sie reagiert hätte.

Ich setzte nochmal an und fragte nochmals nach, wie sie denn reagieren würde auf solche Themen wie ….das Telefonat mit meiner Lebensgefährtin … der Fund der Zigarettenschachtel … die fehlende Karte …. usw.

„Wie meinst du das?“ … Sie wirkte durch meine Frage irgendwie überrumpelt. Während sie alles, egal wie lange es her war, minutiös, wenn auch manchmal durchaus unrichtig, wiedergeben kann, konnte oder wollte sie mir diese Frage nicht beantworten. Sie zog sich stattdessen darauf zurück, dass sie es nicht mehr wisse „…keine Ahnung…Warum ist das denn wichtig?…“

Ich erläuterte , dass es ja unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten auf die Erlebnisschilderung der Kinder gibt, die jede aber zu einer anderen Wirkung führt:

Sie kann mit ihrer Reaktion seine erste Einschätzung „Papa hat (vielleicht) etwas schlechtes getan“ verstärken:

„Ja, das war nicht gut vom Papa. Also ich kann nicht verstehen, wie er dir nur so etwas antun kann…“ usw.

Sie kann es auffangen, relativieren und so dem Kind die Möglichkeit geben, es anders, mindestens in eine neutrale Werteposition einzuordnen:

„Du, das machen Erwachsene, das können Kinder nicht verstehen. Er hat es sicher nicht böse gemeint. Das ist doch gar nicht so schlimm, wie du denkst. Das habe ich auch schon mal gemacht…..“ usw.

Sie kann dem erzählten mit Gleichgültigkeit begegnen. „Na und? Das ist doch gar nicht schlimm“ usw.

Zum Thema mit der entdeckten Zigarettenschachtel fällt mir noch ein, dass sie ihn auch hätte ermahnen können, nicht heimlich Papas Jackentasche zu durchsuchen: “ Du, das ist aber nicht in Ordnung, dass du heimlich Papas Jackentasche durchsuchst. Das dürfen Kinder nicht.“

Ihre Antwort blieb aus und wir wechselten das Thema.

Die Mediatorin wiederholte ein Thema aus der letzten Sitzung. Meine Tochter hätte wenig bis keine Erinnerungen mit mir. Ich bestätigte, dass ich mir da gut vorstellen könnte. Ich habe sie fast zwei Jahre nicht mehr gesehen. In dieser Zeit würden ja viele neue Eindrücke und Erlebnisse entstehen und die Erinnerung an mich würde immer mehr verblassen. Erleichtert würde dieser Prozess durch das Eliminieren sämtlicher Gegenstände und Fotos, die an mich oder an meinen Familienteil erinnern.

Meine Exfrau begann erst alles abzustreiten: „Woher willst du das denn überhaupt wissen?“ … Ich antwortete, dass ich das allein daran fest mache, dass ich alles zurück erhalten habe, alles bis zum letzten Zettel, Stift oder Büroklammer, die Skulpturen meines Vaters ….

Dann versuchte sie es mit “ Es gibt doch Fotoalben, digitale Fotos auf den Rechnern… “ bestätigte dann aber, dass es meiner Tochter im Arbeitszimmer sogar wichtig war, die Möbel umzustellen, da sie Möbelstellung an mich erinnern würde.

Nun hakte die Mediatorin ein und bestand darauf, dass meine Exfrau ein Bild von mir an exponierter Stelle aufhängen müsse. Sie würde dass in vielen ähnlich gelagerten Fällen, den Getrennten immer als Hausaufgabe mitgeben.

Sie erzählte von sich, dass ihr drittes Kind ein Adoptivkind sei und sie auch irgendwann erkannten, dass es für das Kind wichtig ist, ein Bild von den leiblichen Eltern zu haben. In ihrem Fall hätten die beiden leiblichen Eltern das Kind bevor sie es zur Adoption frei gegeben haben, schlecht behandelt. Trotzdem war es für ihr Kind ein ganz wichtiger Halt im Leben. Es hat sogar auf diesem Bild geschlafen.

Ihre persönliche Schilderung hat mich in dem Moment sehr berührt.

Sie betonte dann, dass sie meine Exfrau nicht dazu zwingen könnte, würde es ihr aber eindringlich ans Herz legen. Sie müsse es schon alleine wegen der mütterlichen Fürsorge tun. Irgendwie wirkte das.

Wir diskutierten dann darüber, welches der richtige Platz wäre. Wir einigten uns nach einigem Hinundher, meiner Frau wäre es am liebsten gewesen, das Bild in die Kinderzimmer zu verbannen, darauf, dass der Flur, als neutraler Ort, der beste Ort für das Bild wäre.

Ich wollte es ihr irgendwie erleichtern und machte den Vorschlag, das Bild nicht einzeln, sondern in eine Reihe mit weiteren Familienfotos zu setzen, mit Oma, Opa usw.

Als ich darüber sprach, dass es doch hilfreich sein kann, zu wissen wo man her kommt seine Ursprünge zu kennen und als Beispiel meine Urgroßmutter nannte, von der ich sicherlich meine „kreative Seite“ abbekommen hätte und auch vermutlich auch Livia …

Meine Exfrau konnte wieder nicht anders, als diese Gedanken, von Ursprung, Herkunft und Familie zu entwerten. Das Ganze wäre absolut überbewertet. Sie kenne auch nicht ihre Großeltern (väterlicherseits), es hätte ihr auch nicht geschadet. Wichtiger wären die sozialen Kontakte, die Freundschaften.

[Ich behielt für mich, dass ich mir dachte, dass sie ja auch gar keine andere Wahl hatte, sich in ihrem Leben eben ohne väterliche Vorfahren einzurichten. Sie wuchs ohne ihren leiblichen Vater auf. Sie überträgt ihre Lebenserfahrung, ohne Vater aufgewachsen zu sein, auf ihre Kinder. Sie ist sicherlich im Laufe ihres Lebens gezwungenermaßen damit zurecht gekommen. Aber was es in ihrer Entwicklungsgeschichte für eine Rolle gespielt hat, in wie weit ihre heutige psychische Verfassung davon beeinflusst ist, überlasse ich anderen. Aber ich habe eine andere Lebenserfahrung und ich möchte nicht, dass meine Kinder dasselbe durchleiden müssen, wie sie es sicher getan hat.

Wenn ich ihr jetzt gegenüber stehen würde, würde ich ihr sagen:

Denkst du, weil DU in deinem Leben ohne richtigen Vater aufwachsen musstest, stattdessen nur väterliche Ersatzfiguren gehabt hast, ist es ok, dass es deinen Kindern jetzt genauso geht? ]

Wir besprachen noch die neuen Termine nach der Sommerpause und verabschiedeten uns.

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