Hier …

14. Juni 2019

Hallo Kinder, hier ist euer Papa.

Hier, das ist Kryry, ein kleiner Ort zwischen Karlsbad und Prag. Hier leben Lenka´s Eltern. Kryry liegt in einer Gegend mit sanften Hügeln, weiten Weizen und Hopfenfeldern. Die Leute leben von dem, was der Garten und die Natur hergibt.

Hier erinnert es mich sehr an die heile Welt aus den Janosch-Büchern.

Hier fühlt es sich an, als ob die Welt noch im Gleichgewicht ist. Die Menschen und Tiere, der Garten, die Natur, die Familie. Es gibt Hühner, Kaninchen, Schafe und Bienen, nicht zu vergessen die Hunde und Katzen.

Hier setzt sich Opa Jeda auf sein klappriges Fahrrad und fährt zu seinen Bienen. Sie sammeln den Honig auf den weiten Wiesen der Gegend, in den Gärten der kleinen Leute oder aus den benachbarten Wäldern. Er kümmert sich um sie und bringt von dort den feinsten Honig mit nach Hause.

Hier, ganz in der Nähe gibt es einen großen, verwunschenen See. Er liegt am Rande eines Waldes. Das Ufer ist größtenteils unzugänglich und von großen Bäumen eingefasst. An einer Stelle lichtet sich das Ufer zu einem kleinen Sandstrand. Hier fahren wir hin, wenn es heiß ist, um zu baden. Opa Jeda fährt auch oft zu diesem See. Aber statt zu baden angelt er dort. Es gibt in dem See Amur und Le, beides karpfenartige Fische, die wir uns dann schmecken lassen.

Hier gibt es einen großen Garten. Der Garten direkt am Haus ist so wie man sich einen gepflegten, kultivierten Garten vorstellt. Mit einer großen Wiese, ringsherum Blumen, Sträucher und ein großer, alter Kirschbaum am Rand. Hier blüht es das ganze Jahr. Auf der Wiese steht ein großes Trampolin. Wenn wir nicht zum See fahren hopsen die Kinder den ganzen Tag darauf herum oder spielen Ball. Im hinteren Teil des Gartens gibt es ein Feld auf dem je nach Jahreszeit alles wächst, was man sich nur vorstellen kann. Tomaten, Paprika, Salat, Radieschen, Gurken, Kürbisse, Zwiebeln, Mohrrüben, Erbsen, Zucchini, Kartoffeln, Rhabarber und Erdbeeren. Das Feld ist von Obst- und Nussbäumen eingefasst: Haselnuss, Zwetschgen, Pflaumen, Pfirsiche, Äpfel, Kirschen, Walnuss. Birne. Und dazwischen noch viele Beerensträucher: Himbeeren, Brombeeren, Stachelbeeren und Johannisbeeren. Zwischen dem vorderen und dem hinteren Garten liegen kleine Schuppen und Ställe. Hier leben die Hühner und die Kaninchen. An den Schuppen entlang ranken sich alte Weinreben.

Wir pflücken Kirschen vom Baum und Erdbeeren aus dem Garten. Oma Mirca macht Golatschen und Erdbeersorbét. Am Abend helfen ihr die Kinder die Kartoffeln zu schnipseln. Es gibt Pommes mit selbstgemachten Ketchup. Dann machen wir ein Lagerfeuer. Immer wenn ich hier bin, ohne mein Büro, ohne die alltäglichen Verpflichtungen vermisse ich euch am meisten.

Hier würde es euch gefallen, ich bin mir sicher. Wenn ich noch präsent wäre in eurem Leben. Wenn ihr mich und mein Leben annehmen könntet und euch damit arrangieren könntet. Ich würde mir sehr wünschen, dass ihr diesen Ort, mit diesem Gleichgewicht kennenlernen könntet.

Ihr habt es bestimmt mittlerweile geschafft euch in irgendeiner Weise mit der Trennung eurer Eltern zu arrangieren.

Meine Tochter, du hast das sehr radikal vollzogen, indem du mich aus deinem Leben ausgeschlossen hast. Ob und welche Konflikte das in deinem Inneren verursacht, darüber kann ich nur spekulieren. Ich würde so gerne mit dir sprechen.

Mein Sohn, dich sehe und spreche ich noch hin und wieder. Für dich scheint es viel schwieriger zu sein. Wenn wir uns sehen, fühlt es sich für mich immer sehr schön und irgendwie normal an. Sobald du dann wieder auf dem Weg zurück in „die andere Welt“ bei deiner Mutter bist oder dich dort befindest, bist du mir gegenüber sehr verschlossen und blockst meistens meine Versuche ab, Zeit mit dir zu verbringen. Wenn es dann doch dazu kommt, das ist alle 6 – 8 Wochen, legst du großen Wert darauf nicht mit „meiner Welt“, die du vermutlich komplett ablehnst, in Berührung zu kommen. Das war nicht immer so, ist aber seit eineinhalb Jahren die Realität.

Euch geht es auf eine bestimmte Art sicherlich gut, wenn man das „Arrangieren mit der Trennung“ so bezeichnen will. Ihr schreibt gute Noten, ihr funktioniert im Alltag.

Auf der anderen Seite entgeht euch ein wichtiger Teil im Leben. Ihr lebt und kennt nur eine Seite, die mütterliche Seite. Alles konzentriert sich auf diese eine Sicht der Dinge. Unabhängig davon wie ihr mein Leben, meine Person bewertet, ist meine Sichtweise eine weitere, wichtige Perspektive für euer Leben.

Für die gesunde Entwicklung eines Menschen, für das „eine eigene Position im Leben finden“, ein gesundes Selbstwertgefühl entwicklen sind beide Seiten, die mütterliche und die väterliche Seite wichtig.

Ich liebe euch und vermisse euch.

Papa

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