Alles Gute …

Der Geburtstag meiner Tochter steht bevor. Sie wird 13 Jahre alt und ich habe sie dann genau zwei Jahre nicht mehr gesehen. Von meiner Exfrau habe ich erfahren, dass sie sich ein Saxofon wünscht. Sie hat seit einem Jahr Unterricht, es macht ihr großen Spaß und sie spielt bisher auf einem Leihinstrument. Ihr Ziel ist es in der Bigband ihrer Schule spielen zu können. Den Wunsch vom eigenen Saxofon will ich ihr erfüllen.

Ich vereinbare mit meiner Exfrau, dass sie sich in einem Spezialgeschäft für Holzblasinstrumente ein Instrument aussuchen soll. Ich bitte darum, dass dabei geheim bleibt, dass ich ihr es schenken will. Das Gespräch ist zwei Wochen vor dem Geburtstag. Auf mehrmaliges Nachfragen bekomme ich endlich, am Montag Abend, zwei Tage vor ihrem Geburtstag von meiner Exfrau die Nachricht, dass meine Tochter sich das Instrument nun ausgesucht hat.

Jetzt wird es schwierig bis unmöglich, denn ich bin am folgenden Tag unglücklicherweise auf einem ganztägigem Besprechungstermin in Stuttgart. Morgens um 5:30 aus dem Haus, abends je nach Verkehr gegen 19:00 oder später zurück, in jedem Fall nach den Ladenöffnungszeiten. Und am Mittwoch, ihrem Geburtstag, ist der Laden geschlossen.

Ich verlasse die Besprechung unter einem Vorwand und schaffe es gerade noch rechtzeitig zurück nach Nürnberg, zu dem Laden mit dem Saxofon.

Dort lasse ich mir das Instrument zeigen. Der Ladenbesitzer berichtet mir von dem „Aussuchen“. Er war vollkommen beeindruckt von meiner Tochter. Er erzählte, dass er es vorher noch nie erlebt hatte, dass ein Kind mit solcher Systematik, Zielstrebigkeit und unbeeinflusst von Preis und Marke ein solch qualitativ hochwertiges Instrument aus einer Auswahl ausgesucht hatte. Sie hatte sich dazu umgedreht und ihn auf den drei infrage kommenden Instrumenten vorspielen lassen. Dabei vertauschten er die vorher festgelegte Reihenfolge und sich suchte sich ohne Zögern „Ihr“ Saxofon aus.
Während er erzählt, bekomme ich einen Kloß im Hals. Ich sage ihm mit einem Augenzwinkern, dass das ja auch meine Tochter wäre und ich sehr stolz auf sie bin.

Ich lasse alles zusammen packen: Instrument, Ständer und anderes Zubehör. Der Kunststoff-Gurt aus dem Lieferumfang gefällt mir nicht. Harald empfiehlt mir einen Gurt aus Elch-Leder, der nach seiner Meinung die beste ergonomischen Eigenschaften hätte, aufgrund des besonderen Leders nicht am Hals scheuert und ein Leben lang halten sollte.

Am nächsten Morgen schmückt Lenka den Koffer mit einem Herzen und einer Schleife. Ich schreibe eine Karte mit meinen Glückwünschen und wir schneiden auf der Terrasse noch eine Rose ab, die wir dazu legen.


Ich habe die stille Hoffnung, dass ich meiner Tochter irgendwann am Tag das Geschenk persönlich überreichen kann. Ich telefoniere mit meiner Exfrau, um die Geschenkübergabe zu verabreden. Sie meint nur, dass es das Beste wäre ich würde nicht bei ihnen zuhause auftauchen und schlägt vor, das Instrument im Laufe des Tages bei mir abzuholen. Sie kündigt an, dass meine Tochter sicherlich anrufen würde, um sich für das Geschenk zu bedanken.

Die Übergabe der Geschenke findet in der Nähe meines Büros auf einem Großparkplatz statt. Wir wechseln dabei kaum Worte. Ich verstaue die Geschenke in ihrem Auto. Sie fährt wieder.

Den Rest des Tages stelle ich mir vor, wie sich meine Tochter wohl heute fühlt.

Wie verbringt sie ihren Tag heute? Ist sie fröhlich? Was hat sie geschenkt bekommen? Freut sie sich über ihre Geschenke? Freut sie sich über mein Geschenk?

In diesen Tagen muss ich immer wenn ich Greta Thunberg in den Medien sehe besonders intensiv an meine Tochter denken. Ich stelle mir vor, welche Rolle Greta für meine Tochter spielt. Ist sie ein Vorbild? Ein Leuchtturm? Ein Wegweiser? Ich wüsste es gerne und würde mich gerne mit ihr darüber unterhalten. Doch dass geht nicht.

Spät am Abend, ich habe gar nicht mehr damit gerechnet, klingelt mein Telefon. Es ist meine Tochter. Ich erkenne ihre Stimme fasst nicht. Sie klingt sehr kühl, fast schon eisig.

Eine Bestellung, die man am Drivein-Schalter einer bekannten Burgerkette abgibt, strahlt im Vergleich dazu mehr Wärme und Empathie aus. Sie spult ihre Dankesrede ab, als würde sie die irgendwo ablesen. Sie bedankt sich dafür, dass ich das Saxofon, dass sie und Mama ausgesucht hätte, bezahlt habe. Ich sage ihr, dass es mir wichtig wäre, dass ich das Instrument nicht bezahlt hätte, sondern ihr geschenkt hätte.

Ich erzähle davon, wie begeistert der Ladeninhaber von ihrem „Aussuchen“ war und wie stolz ich darüber war. Ich erzähle von dem besonderen Gurt aus Elch-Leder. Sie bricht an dieser Stelle das Gespräch mit dem Hinweis ab, dass sie keinen Gurt gebraucht hätte, sie nicht mit mir diskutieren wolle und sie am nächsten Tag eine wichtige Arbeit schreiben müsse. Ende.

Unser Gespräch läßt mich erschüttert zurück. Nicht darüber, dass es nach zwei Minuten beendet war. Immerhin sind zwei Minuten besser als eine Minute. Man wird bescheiden. Ich denke noch mit Freude an das letzte Telefonat mit meiner Tochter zurück. Das Telefonat ist 9 Monate her und dauerte eine Minute. Eine Minute, in der sie mich darüber informierte, wie daneben meine Weihnachtsgeschenke wären und dass ich sie mir wieder abholen könne. Aber das ist Schnee von gestern und liegt hinter mir.

Nein. Ich war erschüttert darüber, dass ich meine Tochter nicht wieder erkannt habe. Ich hörte diese Roboterstimme, die etwas herunter rattert. Darüber erschüttert, dass ich in dem Telefonat keinen noch so entfernten Hoffnungsschimmer spüren konnte. Hoffnung auf Annäherung. Nein im Gegenteil. Nicht den leisesten Funken. Ich habe nichts erwartet, allerhöchstens gehofft. Gehofft, da ich überzeugt bin, dass wenn man die Musik liebt, man im Herzen nicht vereisen kann. Dass es immer einen Anknüpfungspunkt geben kann.

Jetzt, nachdem ich das Telefonat einigermaßen verdaut habe, tut mir meine Tochter einfach nur leid. Ich möchte sie in den Arm nehmen und drücken. Ich möchte ihr sagen, dass es mir unendlich leid tut, dass sie das erleben musste. Und dass ich immer für sie da bin, wann immer das sein mag.

12 Kommentare zu „Alles Gute …

  1. Auweia 😦 Das tut schon beim bloßen lesen weh.. 😦

    Bin jedenfalls auch beeindruckt wie sie ihr Saxophon aussuchte – voll gut! Werde ich mir merken 🙂

    Ich wünsche dir viel Stärke.. Und dauerhafte Hoffnung..

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    1. „Auweia 😦 Das tut schon beim bloßen lesen weh.. 😦“ … Hoffentlich war es nicht allzu zu schlimm … Hatte zum Glück zum zweiten Mal kurz hintereinander einen tollen Tag mit meinem Sohn, das hat mich sehr gut abgelenkt …

      Ich danke dir für deine lieben Wünsche … und ganz bestimmt: die Hoffnung hat sich bei mir eingebrannt …

      Und wenn es soweit ist: Viel Spaß beim Instrumentenkauf 😉

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  2. wie traurig das ganze und wie schlimm, dass deine ex nicht in der lage ist zu begreifen, dass sie den kindern mehr schadet als nützt, wenn sie ihren einfluss so massiv ausübt. denn anders kann es gar nicht sein.
    denn 1. lieben Kinder IMMER beide Eltern (was bei Trennungen auch so verzweifelt macht) und 2. waren sie zum Zeitpunkt der trennung viel zu jung, um sich ein wirklich eigenes bild zu machen.
    ich höre solche Geschichten ja von allerhand seiten und verstehe nicht. ich hätte viel darum gegeben, wenn mein ex nur irgendwie Interesse für seinen sohn und meine tochter (wir kamen zusammen, als sie fünf war und für sie ist es ihr vater … gewesen) aufgebracht hätte. ich denke, die Kinder hätten vieles verschmerzt und verziehen, wenn sie nur echtes Interesse wahrgenommen hätten. stattdessen musste ich förmlich darum betteln, dass der vater unseren sohn alle paar Monate zu sich holte. heimlich, damit unser sohn nicht denkt, der vater habe in Wirklichkeit gar nicht gewollt …
    meine Kinder sind inzwischen 35 und 41. die große will schon seit langem nicht mehr darüber reden (ihre erste frage war: mutti, was muss ich machen, damit ich nicht mehr den namen dieses Mannes trage?), der „kleine“ (196cm) hat seine Verletzungen etc. in jahrelanger Therapie aufgearbeitet.
    nachdem mein sohn vor 12 jahren das letzte mal mit seinem vater vor gericht stand (seit dem 18 geburtstag ging nichts mehr ohne), trafen wir uns in der Stadt und die beiden tauschten auf meine Anregung ihre handynummern aus. der vater reagierte nie auf die smsen seines Sohnes.

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  3. Es tut mir Leid, dass es nicht wie erhofft verlaufen ist und deine Tochter letztlich nur „aus Anstand“ angerufen hat. Dein Geschenk ist liebevoll gemeint, kommt bei ihr wohl leider so an, als würdest du dir „Zuneigung erkaufen“ wollen… Wahrscheinlich kannst du gerade wenig richtig machen – aber du machst es definitiv trotzdem richtig, denn es ist ja wichtig, dass du sie nicht aufgibst, sondern trotzdem für sie da bist.

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  4. Es ist der erster Beitrag, den ich von dir lese. Während ich das las, versetzte ich mich in deine Tochter. Ich weiß noch sehr genau, wie ich in dem Alter war. Du bekommst hier sehr viel Zuspruch von den anderen Kommentatoren, sei dir gegönnt. Ich möchte dir aber etwas zu Bedenken geben: Deine Tochter ist in der Pubertät. Das ist ein Prozess, in dem man versucht sich etwas Eigenes aufzubauen. Es ist auch Flucht in etwas, weil man mit Vielem und vor allem mit seinen Gefühlen nicht klar kommt.
    Dass du ihr das Saxophon geschenkt hast, ist ein Eingriff in eine Welt, die sie sich gerade für sich selbst erschlossen hat, wäre aber noch zu verkraften. Dass der Verkäufer dir den Prozess des Einkaufens geschildert hat und du ihn in deinem Brief thematisiert hast, ist für sie ein massiver Eingriff in ihr neues Leben.
    Auch diesen Stolz, den du in dem Brief erwähnt hast, ist zur Zeit wenig hilfreich, weil er ihr ihr Eigenes nimmt. Es fehlt dabei die Trennung zwischen ihr und dir, die sie Pubertierende massiv suchen.
    Für dich als außenstehender Vater ist dieser Prozess sicherlich äußerst schwer zu begleiten, da du vermutlich im Moment nur den Dreck abbekommst und nicht die zerbrechlichen Momente. Dass deine Ex-Frau so böse ist, wie einige hier behaupten, kann ich mir nicht vorstellen, sonst hätte deine Ex-Frau den Kauf des Geschenkes nicht mit unterstützt und auch nicht für den Anruf gesorgt! Denn deine Tochter hatte da offensichtlich gerade keinen Bock drauf. Ihre Roboterstimme kann auch ein Trotz gegen die Mutter und ihre Bitte dich anzurufen gewesen sein. Ich kann es mir förmlich vorstellen, wie der Hörer aufgelegt und gesagt wurde: „Zufrieden?“ Nach dem Motto, ich weiß nicht, was du willst, ich habe gemacht, was du gesagt hast. Du hast nicht gesagt, WIE ich es machen soll 😀
    Schade, dass deine Ex-Frau und du euch scheinbar darüber wenig austauschen könnt, sonst würdest du sicherlich die eine oder andere Story zu hören bekommen, die dir zeigt, dass du alleine nicht so behandelt wirst 😉

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    1. Hallo Carrie,
      ich danke dir für deinen Blickwinkel – und deinen Versuch die Perspektive meiner Tochter vor dem Hintergrund ihrer Pubertät einzunehmen … Dass ihre Pubertät zusätzlich zu allem anderen im Moment und vermutlich immer mehr eine Rolle spielt, ist mir klar. Die Szene die du da beschrieben hast, vor und nach dem Telefonat kann ich mir lebhaft vorstellen.

      Doch die Trennung von mir, der Bruch, die komplette Ablehnung begann viel früher, als meine Tochter noch 10 war.
      Sie hatte da den Kontakt zu mir abgebrochen. Seit dieser Zeit haben wir dreimal, anlässlich ihres Geburtstags, einmal Weihnachten und eben jetzt telefoniert. Sie hatte sämtliche Kommunikationskanäle zu mir abgebrochen, Handy, Mail, SMS usw. In dieser Zeit habe ich ihr ein paar Mal geschrieben, hauptsächlich um ihr zu sagen, dass ich sie liebe und immer ihr Papa bin und immer für sie da sein werde, wann immer sie das möchte oder mich braucht… Und mir ist klar, dass ich nicht viel richtig machen kann, außer zu versuchen „am Ball“ zu bleiben …

      In meinem Blog versuche ich mein Empfinden, mein Handeln, meine Perspektive festzuhalten, für irgendwann – ich habe da die Hoffnung nicht aufgegeben – wenn meine Kinder wieder Kontakt mit mir haben. Ich versuche es dabei bewußt zu vermeiden, über die Gefühle meiner Kinder zu schreiben oder zu mutmaßen. Gedanken hierüber mache ich mir jedoch sehr viel. Über die Rolle meiner Exfrau versuche ich in meinen Beiträgen sachlich zu berichten, was mir vielleicht nicht immer gelingt.

      Mit meiner Exfrau kann ich tatsächlich im Moment, bis auf kleinere organisatorische Telefonate, leider nur im Rahmen einer monatlichen Mediation sprechen, die letzte war im Juli, also vor drei Monaten …

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      1. Es ist sehr schade, dass ihr so aufgespalten seid. Diese Phase ist m. E. schon für „normale“ (was ist schon normal) Familien sehr schwer. Ich will mir auch kein Urteil oder eine Meinung darüber bilden, sondern – du hast es richtig erfasst – nur eine andere Blickrichtung anregen.
        Ich drücke dir die Daumen, dass es irgendwann leichter für euch alle wird.

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  5. Die Erläuterungen zu den Symptomen der Pubertät halte ich für viel zu verallgemeinernd und lösen auch nicht den zuvor entstandenen Loyalitätskonflikt, mit dem dieser junge Mensch alleine gelassen wird.

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