Flügelstimmung …

Wir haben uns im Sommer einen alten Flügel gekauft. Das Ganze war eine sehr spontane Angelegenheit. Auslöser war der Plan unserer neuen Wohnung, den wir vom Makler bekommen haben, bevor wir uns für die Wohnung entschieden haben. Dort war im Wohnzimmer ein Flügel eingezeichnet. Ja, das machen Architekten gerne, wenn sie ein großes Wohnzimmer auf dem Plan möblieren. Daraus entstand Lenka´s Idee mit dem Flügel …

Lenka hatte ihn auf Ebay entdeckt. Unseren Flügel. Er stand in einem Haus in Prag. Seine Vorbesitzerin war eine alte Klavierlehrerin und Konzertpianistin, die im Alter von 90 Jahren ins Pflegeheim musste. Der Flügel Baujahr 1935 stand wohl schon von Anfang an dort, als sie noch ein kleines Mädchen war. Nun steht er bei uns, mit ein paar kleinen Schrammen, aber einem sehr schönen Klang. Auch sonst ein wirkliches Schmuckstück mit Seele.
Heute sollte der Klavierstimmer zu uns kommen. Lenka war schon vor mir da. Als ich nachhause kam, hörte ich schon vom Treppenhaus aus unseren Flügel, mit einem Stück, das mir sehr vertraut war, weil es meine Mutter während meiner Kindheit fast täglich gespielt hatte: „Für Elise“ von Beethoven. Ich kam ins Wohnzimmer. Dort saß ein Mann, allem Anschein nach der Klavierstimmer versunken ins Spiel an unserem Flügel. Um ihn herum seine Taschen und Werkzeuge. Er spielte sehr schön, fehlerfrei und gefühlvoll. Lenka saß auf dem Teppich vor unserem Sofa und hörte ihm zu.

Als er das Stück beendet hatte, fingen wir beide spontan an zu klatschen, so toll hatte er gespielt. Er stand auf, wir gingen aufeinander zu und begrüssten uns händeschüttelnd.

Er schwärmte von unserem Flügel, es wäre ein echtes Meisterstück, was er selten unter die Finger bekommen würde. Dann erklärte er uns, was man alles tun könne, um das gute Stück zu erhalten und noch mehr aus ihm heraus zu holen. Im Wesentlichen sollten wir die Filze auf den Hämmern abschleifen lassen und die Filze in der Klaviatur überprüfen und falls erforderlich erneuern lassen.

Danach unterhielten wir uns kurz. Er erzählte, dass er nicht nur Klaviere stimmt sondern auch in der Krisenintervention tätig ist. Da wurde ich hellhörig. Kurze Zeit später saßen wir gemeinsam am Tisch und er hörte sich unsere Geschichte an.

Die Geschichte der Trennung, der Entfremdung meiner Kinder und meine bisher vergeblichen Versuche da raus zu kommen. Ich erzählte von den Mediationen und dem Abbruch der Mediation durch die Mutter meiner Kinder.

Er bot spontan an uns in diesem Prozess zu unterstützen. Sein Ansatz fusst auf der Sichtweise, dass es den meisten Menschen schwer fällt, zwischen dem eigentlichen Ereignis, der Wahrnehmung aus den Augen des Betrachters und der Bewertung eines Ereignisses zu unterscheiden. Meistens vermischen sich diese Dinge. Das merkt man schon daran, dass wenn man über ein Ereignis spricht, es kaum jemand schafft es neutral zu beschreiben, sondern sich immer sofort die persönliche Wahrnehmung und die Bewertung mit dazu gesellt.

Und wie wir etwas wahrnehmen und bewerten ist durch die eigene Geschichte, den eigenen Erfahrungen, die eigene Persönlichkeit geprägt, mit all ihren Untiefen und möglichenTraumata.

Das kam mir bekannt vor. Etwas passiert. Es gibt Zeugen. Wenn diese das Erlebte schildern, kommen oft komplett unterschiedliche Berichte heraus kommen, so als hätten die Zeugen verschiedene Ereignisse erlebt.

In diesem Zusammenhang zeigte er mir auf YouTube ein Video von Eckhart Tolle.

Er war sehr behutsam und gleichzeitig doch sehr direkt. Auf der einen Seite machte er uns Mut, trotz der momentanen Sprach- und Kontaktlosigkeit zwischen mir und meiner Tochter nicht zu verzweifeln und der Kontaktlosigkeit, gäbe es Möglichkeiten der Kommunikation. Er beriet mich zu den nächsten Schritten. Er riet mir, über den für mich tätigen Anwalt den Kontakt zum Jugendamt herzustellen. Das Jugendamt müsste sich spätestens jetzt einschalten, um vernünftige Umgangsregelungen zu finden …

Lenka kochte uns etwas Feines und am Ende saßen wir fast zwei Stunden zusammen.
Wir verabschiedeten uns und verblieben dabei, dass wir weiterhin in Kontakt bleiben wollten.

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