Langzeitfolgen …

Ich hatte bereits sehr früh, zu Beginn unseres Trennungsprozesses gegenüber der Mutter meiner Kinder den Wunsch formuliert, daß unsere Tochter einen neutralen Gesprächspartner bekommt, ganz gleich ob durch jemanden aus einer Beratungsstelle, einen Familientherapeuten, Seelsorger oder etwas in der Art. Sie lehnte das vehement ab, mit dem Hinweis unsere Tochter wäre nicht krank, sie bräuchte keine Therapie oder einen Psychologen. Sie wäre zwar durch mein Verhalten sehr verletzt, hätte aber gute Noten und ihr würde es ganz gut gehen.

Zu diesem Zeitpunkt verweigerte meine Tochter bereits den Umgang mit mir, der Kontakt war jedoch noch nicht vollständig abgebrochen, wir telefonierten hin und wieder.

Den Wunsch äußerte ich aus einem Bauchgefühl heraus, aus der Angst was es mit ihr machen würde, dass es für sie nicht gut wäre und sie in diesem „einseitigen Umfeld“ keine Chance haben würde, die Situation anders zu bewerten oder zu erleben.

Das ist jetzt zwei Jahre her und die Entfremdung meiner Tochter ist sehr weit vorangeschritten. Die Entfremdung meines Sohnes hat mit kleiner Zeitverzögerung ebenfalls eingesetzt. Damals wusste ich noch nichts über die Begriffe Entfremdung, parental alienation syndrome (PAS), sondern fühlte mich nur hilflos in der Verantwortung gegenüber meiner Tochter und der Situation ausgeliefert.

Zwischenzeitlich habe ich viel dazu gelesen und bin auf den Artikel von Ursula Kodjoe gestoßen, in dem ich unsere Situation sofort wieder gefunden habe. Nachfolgend ein Auszug daraus zum Thema Langzeitfolgen:

Forschungsevidenz über Langzeitfolgen für die Entwicklung von Kindern aus hochkonflikthaften Trennungsfamilien – (von Ursula Kodjoe)

VieleTrennungseltern sind sich der Gefahren für die gesunde Entwicklung ihrer Kinder zu selbstsicheren lebensbejahenden und kompetenten Menschen nicht hinlänglich und in vollem Umfang bewusst. Diese Eltern lieben ihre Kinder und wollen ihnen keinen bewussten Schaden zufügen. Sie tun es dennoch, oft weil sie die Auswirkungen des Familienkonflikts auf dieKinder unterschätzen.

Nach heute verfügbarem Wissen entsteht in chronischen Konfliktsituationen eine verzerrte Wahrnehmung auf beiden Seiten: der Vater kämpft um seine Kinder, oft mit Mitteln aus der unglücklichen Ehezeit gegen die Feindbild-Mutter. Die Mutter glaubt, ihre Kinder vor dem unfähigen, aggressiven, von ihr abgelehnten Feindbild-Vater beschützen zu müssen. Für dieKinder wird das bis zur Pubertät überwiegend positive, danach zunehmend realistische Bild eines, oftmals beider Eltern zerstört und damit müssen sie die Hälfte ihrer biologisch-genetischen Ausstattung verleugnen und von sich abspalten. Die lntegration der hellen und dunklen Seiten zu einer unverwechselbaren Persönlichkeit gelingen weder im Elternbild noch im Selbstbild.

Beide Eltern nehmen nicht mehr wahr, dass der frühere Partner ebenso wie die frühere Partnerin auch positive Züge hat und dass beide ein unvollständige Bild bekämpfen, dass sie sich voneinander machen. Die Kinder übernehmen dieses Bild zumeist vom betreuenden Elternteil, hier der Mutter und wenden sich vom Vater ab. Von ihm gibt es bald nur noch unrealistische Phantasien, seien sie idealisierend oder dämonisierend. Mit dem realen Vater, mit dessen Stärken und Schwächen haben diese Vaterbilder nichts mehr zu tun. Alle Kinder wissen jedoch, dass sie Teile von Vater und Mutter in sich tragen.

Dadurch erleiden sie Einbußen in ihrem Selbstwertgefühl und in ihrer Selbstsicherheit. Diese sind geschwächt durch den Glauben, einen wichtigen, richtigen Elternteil zu haben und einen falschen, verzichtbaren. Das erschütterte Selbstvertrauen „nur ein Teil von mir ist ok“ wirkt sich aus aus auf ein geschwächtes Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Nach außen präsentieren sie sich mächtig, stark und positiv, nach innen sind sie unsicher und haben große Probleme mit eigenem Versagen, mit normaler Ambivalenz und damit, Gefühle und Einstellungen ihrer Mitmenschen zu akzeptieren, wenn sie von den eigenen abweichen.

Spätestens in der Pubertät führt das zu problematischen Freundschafts-beziehungen: es gibt nur die polarisierte Sicht auf die Welt und die Menschen: entweder sie sind ihrer Meinung, dann sind sie als Verbündete cool und ok, ansonsten werden die Beziehungen abrupt abgebrochen.

Die Geschlechtsrollenidentität kann bei Jungen ohne Beziehung zum negativ besetzten Vater kaum eine positiv männliche werden, er muss, so wie er den Vater ablehnen muss, auch die männliche Seite seiner Selbst ablehnen ebenso wie das gute, akzeptierende Gefühl für diese männlichen Eigenschaften.

Mädchen haben große Probleme damit .Vertrauen in ihre Weiblichkeit zu entwickeln, wenn sie ihren Vater ablehnen müssen. lhre Einstellung zum männlichen Geschlecht kann eine unterwürfige, unsichere oder eine generell aggressive werden.

Die Auswirkungen dieser fehlenden ldentifikationsmöglichkeit zeigen sich in der Pubertät durch Leistungs- und Beziehungsängste, Depressionen oder aggressives Ausagieren und selbstschädigendes Verhalten.

Eine der gravierendsten Auswirkungen langanhaltender, ungelöster Elternkonflikte ist das fehlende elterliche Modell, auch mit schwierig erscheinenden Beziehungen umgehen zu lernen. Die Kinder zeigen bald eine verminderte Konfliktfähigkeit, sie entwickeln und erproben keine Problemlösestrategien.

Konflikte auch mit Gleichaltrigen werden weiträumig umfahren, es entsteht ein Meideverhalten, sie werden zu Konfliktvermeidern. Dadurch machen sie nicht die Erfahrung, unabhängig, stark und kompetent zu sein in der Gestaltung ihrer Beziehungen und in der Lösung kleinerer und größererProbleme.

lm frühen Erwachsenenalter kommt es bei normalen Versagenserfahrungen Schuldzuschreibungen an die Eltern, die simplifiziert so klingen: „Ihr seid schuld/Du bist schuld, dass ich in meinem Leben nichts auf die Reihe bringe“.

Diese „externe Attribuierung“, die Schuldzuschreibung nach aussen wurde dadurch gelernt, dass es ein zuverlässiges Feindbild für die Familie gab, dem man an fast allen auftretenden Problemen und Schwierigkeiten die Schuld geben konnte. Die eigenen Anteile mussten nicht gesehen und das eigene Verhalten weder hinterfrag noch angepasst werden.

@ 3/2001 Ursula Kodjoe, Dipl.Psychologin, Systemische FamiIientherapeutin, Mediatorin

2 Kommentare zu „Langzeitfolgen …

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